Zukunftspreis

„Wie wollen wir in Zukunft leben?“ Diese Frage stellte das Thüringer Ministerium für Infrastruktur und Landwirtschaft. Und sie stellten sie an die, die es am meisten betrifft – die Jugendlichen in Stadt und Land. Gefragt waren Ideen und konkrete Projekte, die zeigen, wie angesichts der demografischen Entwicklung Thüringens eine lebenswerte Zukunft aussehen kann. Am 3. Dezember 2015 fand in Erfurt die 5. Thüringer Demografiekonferenz statt, wichtigster Teil der Veranstaltung war die Verleihung des Thüringer Zukunftspreises durch Ministerin Birgit Keller.

Das Internatsdorf Haubinda hatte als Wettbewerbsbeitrag das Projekt „Dorfladen“ eingereicht, das aber nicht losgelöst betrachtet werden kann, sondern Teil eines Gesamtkonzeptes ist. Vor etwa 12 Jahren kam als Motto für unsere Einrichtung auf: Von der Dorfschule zum Schuldorf. Inzwischen hat sich die Bezeichnung Internatsdorf etabliert und wird Bewohnern wie Gästen bereits mit dem Ortsschild vor Augen geführt. Während dieses Prozesses wurden sowohl die Kinder als auch die Mitarbeiter als auch die erwachsenen Einwohner beider Ortsteile (Haubinda und Westhausen) immer wieder eingebunden. Ein sehr aktiver Arbeitskreis lokale Agenda 21 organisierte zusammen mit unserer Schule Workshops, Einwohnerversammlungen, eine große Zukunftswerkstatt, sammelte alle Anregungen und bereitete sie für den Gemeinderat auf. Vieles von dem konnte bereits verwirklicht werden, z.B. ein Radweg zwischen den Ortsteilen, Bau von Solaranlagen auf kommunalen Gebäuden oder eine großangelegte Baumpflanzaktion.

Hier gibt es den passenden Film auf Youtube!

Es ist unser Ziel, die positiven Seiten des ländlichen Lebens erlebbar zu machen. Die Kinder und Jugendlichen (viele kommen aus Städten) wachsen in dörflicher Atmosphäre auf: Sie haben viel Platz zum Spielen, Experimentieren und Entdecken, sammeln praktische Erfahrungen in der Schreinerei, der Schmiede, der Töpferei, in der Küche, im Garten und in den Ställen. Die Möglichkeiten zur Mitarbeit gehen weit über reine Beschäftigungsangebote hinaus, v.a. die älteren Jugendlichen erleben so, was es heißt, Verantwortung zu übernehmen. Hinzu kommen umfangreiche Möglichkeiten zur Mitbestimmung (Schülerparlament, -gericht) sowie zahlreiche kreative, soziale und sportliche Angebote.

Was manchen vielleicht überraschen mag – Kinder und Jugendliche schätzen das Landleben. Wenn wir mit ihnen unterwegs sind, stellen sie zwar fest, dass große Städte wie Berlin aufregend und faszinierend sind, doch spätestens nach einer halben Stunde hört man zum ersten Mal den Satz: „Hier wohnen möchte ich aber nicht.“ Sie sind meist sehr froh, nach ein paar Tagen zurück in ihr Dorf zu kommen. Unser Internatsdorf lebt von den Ideen Vieler. Einen wichtigen Anstoß für die Weiterentwicklung gab es seit den Osterferien 2014 als eine Gruppe von Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sich zusammensetzte und überlegte, wie ein ideales Dorf aussieht und deren Überlegungen von etlichen Schülern des Wahlpflichtfaches Wirtschaft/ Umwelt / Europa aufgenommen wurden, die sich mit umweltverträglichen Tourismus und Ferien auf dem Bauernhof beschäftigten.

Dabei wurde offensichtlich, was die zentralen Punkte sind, die das Landleben für Jung und Alt attraktiv machen: das Wichtigste sind die Infrastruktur und das Gemeinschaftsgefühl. Jahreszeitliche Feste wie Erntedank oder Kirmes, eine Dorffeuerwehr, Sportverein, eine aktive Kirchgemeinde und Konfirmandengruppe aber auch die Busanbindung, Kindergarten und Schule vor Ort sind ausschlaggebend.

Für unsere Dorfgemeinschaft kristallisierte sich heraus, dass mehr Kommunikationsorte, ein Dorfladen, eine Dorfkirche sowie mehr Miteinander von Alt und Jung gewünscht werden. Daraus entstand des Konzept: Leben und Lernen im Internatsdorf Haubinda, das aus unserer Sicht wirklich zukunftsweisend ist. Es wurde nicht im Elfenbeinturm entwickelt, sondern hat sich aus einem Prozess ergeben und steht aufgrund der breiten Beteiligung und der gewachsenen Strukturen auf soliden Füßen. Als erstes nahm mit Beginn des Schuljahres 2014/15 die damalige Klasse 8b das Projekt „Dorfladen“ in Angriff.  Ziel des Projektes war es, das seit Jahren ungenutzte Feuerwehrhäuschen zu einem Dorfladen umzubauen und ihn im Rahmen einer Schülerfirma zu betreiben.

Mit unseren Schulhandwerkern renovierten sie das alte Feuerwehrhaus, das die Gemeinde günstig zur Verfügung stellt. Bei der Besichtigung umliegender Hof- und Dorfläden reifte der Entschluss das Sortiment nach dem Prinzip der Nachhaltigkeit zusammenzustellen. Die Produktpalette zeigt nun einen schönen Ausschnitt von der Arbeit der praktischen Gilden und verschafft den Kindern die Möglichkeit ihr Können zu präsentieren. Darüber hinaus werden aber auch fair gehandelte Süßigkeiten und Säfte einer Regionalmarke angeboten. Von den Einnahmen können neue Materialien oder Ladeneinrichtung angeschafft werden. Gäste haben auf dem weitläufigen Gelände einen Anlaufpunkt und freuen sich über die Gelegenheit Mitbringsel zu erwerben.

So haben Schule und Gemeinde neben der Einkaufsmöglichkeit einen wichtigen Kommunikationsort gewonnen und setzen Unikate sowie regionale Besonderheiten gegen den Einheitsbrei der Discounter. Das Interesse der Dorfgemeinschaft an dem Dorfladen ist groß, reicht aber auch weit darüber hinaus. So hatte Anfang April 2015 das Nachhaltigkeitszentrum Thüringen zu einem Arbeitskreistreffen mit dem Thema „Regionale Wertschöpfung durch Dorfläden und nachhaltige Schülerfirmen“ nach Haubinda eingeladen. Zudem beteiligten wir uns mit dem am Wettbewerb Thüringer Klimahelden und erhielten den 3. Platz. Bei der Preisverleihung würdigte der Geschäftsführer von Thüringer Waldquell, Herr Heß, ausdrücklich das große Engagement der Jugendlichen sowie den nachhaltigen Ansatz sowohl bei der Einrichtung des Ladens als auch in der Zusammenstellung des Sortiments. Als Zeichen besonderer Wertschätzung schenkte er dem Dorfladenteam einen großen Kühlschrank – bereits gut gefüllt.

Und nun überzeugte unser Konzept auch die Jury des Thüringer Zukunftspreises, weil es zeigt, dass auch die kleinen Dörfer in Thüringen ein lebenswertes Umfeld bieten. Voraussetzung ist jedoch immer persönliches Engagement und eine Gemeinschaft, in der sich Erwachsene und Jugend gleichermaßen einbringen können.